Im Werk

Dem geheimen Flug entgegen, 1978
Dem geheimen Flug entgegen, 1978
WVZ 78/21, Graphit, Chinesische Tusche, Aquarell,
Bleistift, Pitt-Kreide, Litho-Kreide und Wachsmalkreide
auf Richard de Bas Handbütten, 78 x 57 cm
Lindenau-Museum Altenburg, vormals Sammlung Rugo

[…] Gerhard Altenbourgs Bilder sind keine logischen, sie gehen nicht geradlinig ein, indem in ihnen das Eine vom Anderen her zu erwarten wäre in der vernunftgemäß folgerichtigen Bezogenheit der Schritte und ihres Nachvollzugs. Die Folgerichtigkeit hier ist vielmehr eine ganz andere; die der Poesie könnte man sie nennen, wenn man Poesie so ernst nimmt, wie man sollte; die der Affinität und Resonanz, die eines Rapports, der sich herstellt, des leisen, kaum registrierbaren Übersprungs von Funken, Dramatik im Kleinen, im Zeitmaß gedehnt durch Vertieftheit. Jeder dieser Sprünge aber Auslöser eines eigenen Impulses, der ein Stück weit ins Bild und durch es hindurch trägt. Da denn auch und derart abschnittweis mag ein System sich bilden, dem das Tun folgt, solange der Impuls währt; und daß der nächste ein anderes anbietet, läßt es zur Erstarrung und zu Ermüdungen nicht kommen. Der Betrachter nun freilich mag sich zurechttasten; der Zauber bleibt, zu Teilen wenigstens, ein fremder. Märchenhaft oft im Wesensgrund; die Titel, mögen sie sprechend sein, sind märchenhaft oft selbst, mit der Tiefe von Mythe und Traum auch da, wo Ironie im Spiel ist, ein Raunen, ein Klingen, ein Perlen, und stets „klar der Nacht verschwistert“, einer Urnacht, die alle Lichter aus ihrem Schleier entbindet.

Assoziation läßt diese Bilder wachsen, aber schon der erste Strich, an den sie sich anspinnen mag, ist aus dem eigenen Inneren hervorgegangen, und das Assoziierte, angereichert vielleicht durch alle Art von Erkenntnis und Wissen, ist geprägt von dem, was an Widerfahrnissen dieses Leben betroffen und geprägt hat. Brüchigkeit und Verwesung haben früh – im Krieg – ihre Eindrücke angelagert, die Brüchigkeit dessen, das bricht und gebrochen wird und ist und bleibt, und die Veränderung dessen, was aufhört, von einem Wesen beseelt zu sein, und in dieser Preisgegebenheit die letzten Bezeugungen seiner Vitalität, der sich auflösenden, gibt. Transformation, die empfindlichste. Das Transitorische als Prinzip. Im Grunde ist genau dies es, was sich in Gerhard Altenbourgs Bildern manifestiert. Die fertigen sind fertig im Sinne der Beendung der Arbeit an ihnen. Aber selbst die dichtesten bleiben offen auch in dem Sinne, daß der in sie vertiefte Blick sie sich verändern sehen könnte. Und ist doch dieser selbst es, der verändert wird, weil sie ihn ändern. Er taucht in Wandel ein und als Gewandelter hervor. […]

Friedhelm Mennekes über Gerhard Altenbourg in: Franz Joseph von der Grinten/Friedhelm Mennekes: Abstraktion·Kontemplation. Auseinandersetzung mit einem Thema der Gegenwartskunst, Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart 1987

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