„Glück im Aufspüren und Finden und Sammeln“
Mit diesen Worten wollte Altenbourg Lothar Lang zu einem seiner Geburtstage gratulieren. Er wußte, was sie bedeuteten, denn auch er kannte die Freuden eines Sammlers. Das konnte bereits ein Fußgänger bemerken, der die Spinnbahn entlang an Altenbourgs Garten vorbeiging und den Blick über die weißen Eisenstäbe des Zaunes schweifen ließ. Über eine niedrige, mit Stauden bestandene Böschung sah er hinauf auf eine aus dichtem Blattwerk von Buchs und Eibe zusammengewachsene Blätterwand, aus der hell das Bildwerk eines sitzenden Jünglings von Hans Mettel hervorleuchtete. Es war aus einem sehr dauerhaften Muschelkalkstein, aber die Nase war abgeschlagen, eine Verletzung, die der Figur von „rohen Kulturfeinden“ während der Herrschaft der Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren zugefügt wurde, als andere Werke Mettels als „entartet“ beschimpft und beschlagnahmt wurden.
Dieser Jüngling, der ursprünglich inmitten einer Brunnenanlage in einer Wohnsiedlung in Berlin-Tegel stand, wurde damals von wohlmeinenden Händen von dem öffentlichen Platz entfernt und überstand so ohne weitere Beschädigungen an unbemerktem Ort den Bildersturm, die Bombenangriffe und die Eroberung von Berlin. Nach dem Ende des Krieges stand er vor der Werkstatt für Grabmale am Eingang zum Friedhof in Berlin-Baumschulenweg. Einer der dort arbeitenden Steinmetze wollte ihn aus diesem unbeachteten Dasein erlösen und nahe dem S-Bahnhof in einer Grünanlage aufstellen, aber die Stadtbezirksverwaltung war damit nicht einverstanden. Auch die Nationalgalerie war an einer Übernahme nicht interessiert. Immerhin wurde ein Foto mit der Angabe des Standortes in der „Mettel“-Mappe im Archiv der Nationalgalerie abgelegt. Dort sah ich es Mitte der siebziger Jahre, fragte ordnungshalber nochmals bei der Direktion nach, ob sie Interesse habe. Als das verneint wurde, verständigte ich Altenbourg, der sofort begeistert einer Erwerbung zustimmte. Glücklicherweise war der Steinmetz, der sich Jahre zuvor um eine öffentliche Aufstellung bemüht hatte, noch über die Werkstatt zu erreichen. Er brachte die Steinfigur nach Altenburg und stellte sie sachgemäß auf (nur das ließ er sich bezahlen).
Seitdem hat der Sitzende Jüngling seinen Ort in Altenbourgs Garten, für jeden nachdenkenden Spaziergänger gewissermaßen ein Zeichen, daß es mit dem Besitzer des Gartens eine besondere Bewandtnis haben müsse, auch wenn dieser Außenstehende von dem für viele Kunstwerke des 20. Jahrhunderts typischen Schicksal der Figur nichts wissen kann. Dieses und die künstlerische Integrität von Mettel in seiner Zeit waren dagegen für Altenbourg wesentlich. Es verstärkte sein Gefühl der Seelenverwandtschaft, denn auch er sah sich viele Jahre seines Lebens in einem anderen politischen System absichtlich mißverstanden und als verdächtiges Subjekt beobachtet und behandelt. Allerdings kam es bei ihm nicht zu einem Ausschluß aus dem Verband Bildender Künstler, was einem Berufsverbot ähnlich gewesen wäre, wie es zum Beispiel Mettel auferlegt worden war.
Ebenso wie diese Skulptur haben andere Werke, mit denen Altenbourg sich nach und nach umgab, ihre eigene Geschichte. Das gilt zum Beispiel für das von einem Freund in Schweden für ihn ersteigerte Tagebuch von Marcus Behmer, in dem dieser sich während seiner einjährigen Gefängnishaft 1937 mit religiösen Fragen beschäftigte, außergewöhnlich nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch optisch durch das Schriftbild der mehr als 200 eng beschriebenen Seiten, die mit vielen Randzeichnungen versehen sind. Doch während Altenbourg dieses und andere Konvolute nur gelegentlich zur eingehenden Betrachtung aus Mappen und Kästen hervorholte, fügte er manche Werke fest in die Raumkompositionen seines Hauses ein, so daß er sie jederzeit anschauen oder ihre Anwesenheit fühlen konnte. Nur die Wände seines Arbeitszimmers blieben leer.
Annegret Janda in: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, 157. Heft, 1. 2000. (Ausgewählt wurde der Beginn des Beitrags über den Kunstsammler Gerhard Altenbourg.)