„Aus der Geborgenheit verwandter Geister schaut er aus nach sich selbst“. Gerhard Altenbourg als Leser
[…] In Weimar waren es vor allen anderen Thea und Fritz Henning, die als uneigennützige, den Hochbegabten und Eigenwilligen fördernde Anreger bedeutsam und zukunftsweisend wurden für seine „geistige Landschaft“, seine geistig-künstlerische Entwicklung und seine allgemeine Ausbildung. In erster Linie durch Fritz Henning begannen sich ihm Bereiche zu erschließen, die auch auf sein Lesen einen entscheidenden Einfluß ausübten. Henning hatte zum Kreis um die Zeitschrift Charon gehört, die Otto zur Linde 1904 zusammen mit Rudolf Pannwitz gegründet hatte. […] Zur Linde und Henning waren Dichtern wie Alfred Mombert und Theodor Däubler verwandt, beide später große Stimmen am Braugartenweg. Alle verkündeten sie ihren eigenen Mythos. Affinitäten bestanden zu Andreas Gryphius, Clemens Brentano, Charles Baudelaire, auch diese heimisch in Altenbourgs Bibliothek, der Franzose sogar als einer der Hausgötter. Hier hatte er ein für ihn bedeutungsvolles „Sympathiesystem“ gefunden, dem er auch als Leser zeitlebens verhaftet blieb.
In anderen, aber benachbarten „Sympathiesystemen“ begegnete er gleichermaßen seinen Wahlverwandten, in ihnen, um mit Martin Buber zu sprechen, den „geistigen Wesenheiten“. Auch dafür, daß Altenbourg Nikolaus von Kues und immer wieder Meister Eckhart las, war in Weimar der Boden bereitet, erkannte Zur Linde doch in beiden Vorläufer seiner eigenen Gottesspekulation.
Henning hatte fast ein Leben lang an einem gewaltigen Werk gearbeitet: Morphologia Mundi oder die grosse Weltmorphologie. Es handelt sich dabei, kurz gesagt, um eine Weiterentwicklung der Goethe'schen Arbeiten zur Morphologie. Altenbourg hat daraus viele Anregungen schöpfen können. An einem exemplarischen Abschnitt wird schon deutlich, daß der Einfluß auf ihn grundlegend gewesen sein muß: „Hier (sc. in Bildern von Caspar David Friedrich und Philipp Runge) ist gerade nicht die fleissig abgemalte Gegend wiedergegeben, sondern eine tiefere Schicht der Natur. Hinter der ‚richtig-optischen Landschaft‘ – die gleichsam den bürgerlichen Vorhof bildet – wird das Tiefere und Heiligere gestaltet. Jeder, der sich mit diesen Bildern ernstlich befasst, wird sehr bald darauf geführt, dass sie mehrschichtig sind.“
Henning, so wird überliefert, pflegte laut vorzulesen und aus dem Gedächtnis zum Teil auch bis dahin nicht publizierte Gedichte vorzutragen. In seiner Bibliothek standen die Bücher, die Altenbourg eine neue geistige Welt aufschlossen. Später besaß er selbst die Werke der genannten Autoren in großer Zahl, zum Teil sammelte er sie sogar auf Vollständigkeit.
Sehr gefördert wurde seine Entwicklung durch das tägliche Lesen und Arbeiten im Lesesaal der Weimarer Landesbibliothek. Seit Mitte der fünfziger Jahre traten dann die Bestände der Deutschen Bücherei in Leipzig hinzu. Ferner hatte er bisweilen in der Bibliothek seines Berliner Galeristen Rudolf Springer Gelegenheit, für ihn wichtige Neuerscheinungen kennenzulernen, beispielsweise, wie er zu seinem Erstaunen feststellte, sehr viel über Dada. Eine weitere Quelle sprudelte in den damals noch reich bestückten Antiquariaten in Altenburg und Leipzig. […]
War er in Westberlin, so schaute er sich natürlich voller Neugierde auch in den Buch- und Kunsthandlungen um. Wieder an Thea Henning am 26. Februar 1957: „Bei Marga Schoeller gab es wieder so viel, was uns interessiert. Im Limes-Verlag sind die Totenreden für Gottfried Benn erschienen mit 2 Photos seiner Totenmaske, die wie in einem geheimnisvollen Lächeln erstarrt scheint. Das Antlitz von einer unsagbaren Schönheit. Ich bringe den Band dann mit. Im Kasten des Photoateliers rama am Kurfürstendamm ist ein Photo von Benn aus der letzten Zeit zu sehen, sehr gut. Von Benn erschienen ferner die Gesammelten Gedichte, Preis an 14 Mark. Ich werde mir jedoch lieber die Einzelbände kaufen, sie wirken intimer als ein solcher dicker Band. Im Limes-Verlag erschienen die Werke von August Stramm. Dann ist eine große Däublerausgabe erschienen. Und einiges von Arp, das ich erwarb. Ezra Pound wird von Eva Hesse übertragen und erscheint in Zürich. Ich kaufte mir vorläufig den Ullstein-Band von ihm und möchte später die ‚Pisaner Gesänge‘ erstehen. Dann gab es etwas von Beckett und von Christopher Fry: ‚Das Dunkel ist Licht genug‘. Meine Schwester erwarb von Chagall ‚Arabische Nächte‘, Farblithos bei Piper. Man möchte kaufen können, nur immer kaufen. Von Joyce' ‚Ulysses‘ liegt jetzt eine einbändige Ausgabe für 14 Mark vor. Die Verführung ist groß.“
Um Altenbourgs Lesespuren in seiner Bibliothek zu entdecken, sind die abgerissenen Zettel eine große Hilfe, die er als Lesezeichen in Bücher eingelegt hat, sowie die Anstreichungen ihm wichtiger Wörter oder Wortfolgen, wobei die Anzahl der auf solche Weise markierten Bücher gar nicht so groß ist. Die Anstreichungen sind fast ausnahmslos affirmativ, manchmal wirken sie auf den Leser sogar wie Ausrufezeichen und machen bereits deutlich sichtbar, daß es Altenbourg beim Lesen um ein Erkennen seiner selbst ging. Seine Markierungen dienen aber auch, zusammen mit den schon außen sichtbaren Zetteln, als eine Art Werkstatt für sein Werk und weiteres Lesen. […]
Willi Heining in: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie,
156. Heft, 4. 1999. (Ausgewählt wurde die Passage zu den frühen Jahren in Weimar.)