Annotation zu Altenbourgs Holzschnitt-Werk

Das sind die Wege wurzelentlang
Das sind die Wege wurzelentlang, 1974
WVZ H 178/2 Holzschnitt in zwei Farben
43 x 69,5 cm
Stiftung Gerhard Altenbourg

Altenbourgs Holzschnitt-Werk setzt 1959 ein. Thematisch mit Landschaften, grotesken Szenen und skurriler Personnage befaßt, zeigt sich in ihm eine feinsinnige Ironie, die als Ausdruck einer skeptischen, der Natur sich hingebenden und vom Reich des Phantastischen gespeisten humanistischen Weltsicht zu verstehen ist. Beeindruckend zumal die Poesie der Naturumwandlung wie auch die Musikalität jener Kompositionen, die dem Prinzip der variablen Reihe gehorchen – dort äußert sich mehr ein intuitives, hier stärker ein konstruktives bildnerisches Element.

Bei Altenbourg entwickelt sich der Holzschnitt in einer nahezu logisch konsequenten Kontinuität: von der expressiven, nervös-erregten Direktheit des Anfangs zur lyrischen Verwobenheit im jetzigen Schaffen. Der gedankliche, form-erfinderische und drucktechnische Reichtum der Blätter gehört zu den erstaunlichsten Leistungen, die wir in der zeitgenössischen Kunst entdecken können. Altenbourg erweist sich als souveräner Meister des Metiers. Seine Arbeit mit dem Holz hält sich jeglicher Möglichkeit offen: es wird geschnitten, gerissen, gekratzt, geritzt, gepunzt; Zufälle der Wachstums- und Materialspuren des Holzes werden angenommen und der ästhetischen Organisation dienstbar gemacht; zum Schwarzlinienschnitt gesellt sich die Weißlinientechnik, beide oft einander verbunden; Betonung des Strukturenschnitts vor dem Flächenschnitt; Vorherrschen gerissener Linien; Kombination des Holzes mit anderen Materialien, mit Gummi oder Metall …

Die Arbeit im Holz ist nur die eine Seite des Werkprozesses, die andere ist das Drucken, dem sich der Künstler mit Lust und Leidenschaft hingibt. Die Drucke erreichen eine. Kostbarkeit und ästhetische Noblesse, die heute selten geworden sind. Für Altenbourg ist der fertige Druckstock nicht das Ende der künstlerischen Arbeit und der Druck keine handwerkliche Perfektion, sondern der Abschluß der Platte bedeutet einen Neubeginn: Erst in der Kunst des Druckens vollendet sich die Graphik. Eine solche Haltung fordert im Druck nicht nur Kenntnis und Fertigkeit, die Manipulation mit der Farbe und mit der Stärke des Druckes, sondern auch das Wagnis. Daher die zahlreichen Variationen und Zustände, deshalb der Druck auf unterschiedlichen Papieren, die den Farben verschiedene (Licht)-Werte mitgeben. Zum Erscheinungsbild der Altenbourgschen Holzschnitte gehört zwar die Strahlkraft der Farben, doch ihre Besonderheit besteht mitnichten in der Reinheit, sondern in der Differenzierung in sich selbst: Zur rissigen Struktur gesellt sich ein Perlen der Farbe. Eine andere Spezifik dieser Holzschnitte, und womöglich ihre wesentlichste, findet sich in den verschwebenden, dämmernden Grautönen, die im zeitgenössischen Holzschnitt nirgendwo anders in solcher Ausdruckskraft zu sehen sind.

Wer in das Geistige der Altenbourgschen Holzschnitte eindringt, dem erschließen sich noch nie gesehene Schönheiten. Nur ein Blatt sei stellvertretend für andere genannt: „Das sind die Wege wurzelentlang“ (1974) – Fluß, See, Hügel, Bäume, Tal ..., wie durch ein Atelierfenster gesehen: eine Summe aller Landschaften Altenbourgs, ein betörend schöner Druck, rot über braun gewalzt, ein Holzschnitt, in dem die reife Gestaltungskraft des Künstlers, wie sie sich in diesem Augenblick zeigt, vollendet vor uns steht.

Lothar Lang in: Gerhard Altenbourg. Holzschnitte. Ausstellung vom 22. Februar bis 31. März 1976, Museum und Kunstsammlung Schloß Hinterglauchau

Die schöne, spektakuläre Ausstellung war dem 50. Geburtstag Gerhard Altenbourgs gewidmet.

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