Meine Bibliothek

Der Zeiten Wind, der Tage Raunen, 1984
WVZ 84/55, Sibirische Reißkohle, Gouache, Aquarell,
Bleistift, Pastell, Pitt-Kreide, Sepia, Rötel, Chinesische
Tusche auf Fabriano Roma Bütten Michelangelo, 67,5 x 48,5 cm
Lindenau-Museum Altenburg, vormals Sammlung Pfäffle

[…] Und da meine ich immer : Jeder berufsmäßig
Bücher Erzeugende, (dem früher oder später doch
>Untersuchtwerden< bevorsteht), sollte sich we-
niger auf Zungenküsse der Neune berufen; oder
den >Wunderborn< in seinem allerhöchsten In-
nern; und auch Geschwafel von >orientalischen
Geheimlehren< stärkt (wenigstens bei mir) seine
Po-Sitzion nicht, (Dem=seine Orientalen wären
ja verrückt vor Ehrfurcht geworden, wenn se’n
Fernsehapparat kichern gehört hätten !); viel-
mehr sollte er uns ein Verzeichnis seiner Bibliothek
hinterlassen; (nach dem zu veröffentlichen : da
kann seine, manchmal vieles geduldet habende,
Witwe noch Geld damit verdienen; während er
sich an dem ihm zugewiesenen Orte befindet).
Parabel vom Schuppen : wenn der mir einzufallen
droht; und der Zimmermann, der sich die Chose
mal ansehen soll, anstelle des Handwerkszeugs
nur Redensarten von >uralten Zunftgeheimnis-
sen< bei sich hat; auch auf meine Frage, wie er
sich die Erneuerung des Fachwerks nun präzise
denke, mir flüchtig=kokett ein »Eingebung, be-
ster Herr; Alles Eingebung« in den Nicht-Bart
wirft – tja, dann geleite ich ihn still an der Hand
zur Gartenpforte; und lasse lieber bei einer Kon-
kurrenz arbeiten, die zum Dachstuhl solcher
Hypothesen nicht bedarf. –
Paul Ernst hat seine Biblio in diesem Sinne
recht ordentlich angegeben; Goethe ist sowieso
überdeterminiert; aus >Briefwechseln< ergibt sich
immer einiges, (obschon nie das wichtigste; >trust
a cat among cream !<), im allgemeinen ist die
Forschungslage hier noch ganz unbefriedigend.
Leider ist der Spaltenraum ohnehin längst über-
zogen; sonst hätten jetzt meine Konfessionen be-
züglich Leseerlebnissen einzusetzen, und es stün-
den aparte Dinge zu erwarten – – aber halt !;
nein : dergleichen betriebswirtschaftliche Blind-
heit sei den Ministerien (Minus-Therien) dieser
Welt überlassen. Zumindest werde ich die (nun-
mehr ja doch unvermeidlich kommende) Zei-
tungs-Rundumfrage abwarten à la >Bücher, die
mein Werk anregten<. Anschließend wird’s in ein
schmuckes Taschenbüchlein zusammenge-
gedruckt, (gibt wieder Rubelchen). Jahre danach
dann, anläßlich etwaiger >Gesammelter Werke<,
könnte man’s in 1 der Miszellenbände aufneh-
men; (und das geht mir ja gleichsam noch ab,
daß man mich zur >Miß Celle< machte !).


Arno Schmidt, aus: „Meine Bibliothek“. In: Der Platz, an dem ich schreibe.
Erklärungen zum Handwerk des Schriftstellers. Eine Edition der Arno Schmidt
Stiftung im Haffmans Verlag, Zürich 1993

Gerhard Altenbourg verehrte Arno Schmidt und ließ sich von ihm anregen: „Ich las jetzt (d.h. in den letzten Wochen) den ‚Zauberer von Rom‘ von Gutzkow, auf den ich durch Arno Schmidt, diesen Wünschelrutengänger der Literatur, gestoßen wurde: 9 Bände in der Erstausgabe von 1858f. bei Brockhaus zu Leipzig. Die Bände waren lohnend, Passagen darin, / / wo hundert Jahre passierender Zeit nicht spürbar, was bei erzählender Prosa doch einiges besagen will.“ (Aus einem Brief an Horst Hussel vom 26. September 1972)

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