Anmerkungen zur Schnepfenthaler Suite
[…] Die Zahl der Radiertechniken ist groß.
Und groß war die Versuchung für den erfindungsreichen Verfertiger subtiler Steindrucke, zarter Steinritzungen, farbiger Holzschnitte ın schwebenden Klängen, den Verlockungen der geätzten Radierung, den Reizen der samtigen Aquatinta zu erliegen. Doch nein: nicht an der Vertiefung seiner verflochtenen Farbteppiche in metallene Druckplatten lag ihm; vielmehr sah er die Chance, seine Lust an der Linie auf die Spitze zu treiben. Der Radierung mit der „kalten Nadel“ gehörte seine schnelle, instinktive Zuneigung. Die unmittelbare Zeichnung, spontan und konzentriert, mit Radiernadel, Schere, Messer oder Nagel in die metallene Platte zu ritzen, zu reißen, ohne jede Möglichkeit einer Korrektur: im angespannten, kraftvollen Zugriff oder sanft ausgleitend. Linien wie auf der Geige gespielt: schroff, scharf, gratig und dann wieder in sußen Kantilenen verwehend.
Zögernd zunächst entstanden in drei Jahren die 13 Platten der „Kupfernen Erzählungen” und etwa zwei Dutzend Einzelblätter. Die Kaltnadelradierung war Herausforderung und Versuchung für ihn geworden. Rausch und Meditation. Spiel und Askese. Es schien nur konsequent, der kleinen Folge der „Kupfernen Erzählungen”, den Einzelblättern, den großen Zyklus folgen zu lassen, einen weiten Bogen zu spannen, einen auf helles Dur gestimmten Gegenentwurf zu den mehr grüblerisch, vom verhaltenen Moll beherrschten „Wund-Denkmalen“ zu fertigen.
Vor vier Jahren sprachen wir darüber. Eine „Suite Berlin” sollte es werden, – gewidmet der Stadt, die für ihn immer wieder Ausgangs- und Zielpunkt seiner Erfolge war und ist.
Aus den zwei Produktionsjahren sind vier geworden; aus den vage und wagemutig ins Auge gefaßten 50 Blättern wurden mehr als 100. Und aus der „Suite Berlin“ wurde die „Schnepfenthaler Suite“. Schnepfenthal: Geburtsort Altenbourgs im thüringischen Hügelgau.
Überraschungen, das Unerwartete sind bei Altenbourg das Normale. Aus den Blättern für eine große Stadt wurde ein großangelegtes erotisches Welttheater en miniature, ein scheinbar heiteres und heikles Spiel der Liebe. Die großen Gefühle im kleinen Format. Aber auch ım kleinen, sparsam bezeichneten Blatt ıst die Welt erfahrbar. Auch und gerade ın diesen Drucken: sie sind klein, aber kostbar, voll heiterer Wehmut, schmerzender Schönheit und lächelnder Trauer. Ein ironisch gezeichneter Garten der Lüste, ein irdisches Paradies der Liebe. Altenbourgs Himmel und Hölle. Abschluß und Anfang.
Dieter Brusberg: Anmerkungen zur Schnepfenthaler Suite. In: Brusberg Dokumente 22, „Gerhard Altenbourg, Schnepfenthaler Suite“. Edition Brusberg, Berlin 1989