Ein später Blick
Du, überflügelnd deine Gründe,
den ganzen Strom im Zug zurück,
den Wurzelquell, den Lauf, die Münde
als Bild im späten Späherblick.
Da ist nichts jäh, da ist nichts lange,
all eins, ob steinern, ob belebt,
es ist die Krümmung einer Schlange,
von der sich eine Zeichnung hebt:
ein Großlicht tags, dahinter Sterne,
ein Thron aus Gold, ein Volk in Mühn
und dann ein Land, im Aufgang, ferne,
in dem die Gärten schweigend blühn.
Ein später Blick – nichts jäh, nichts lange,
all eins, ob dämmernd, ob erregt,
es ist die Krümmung einer Schlange,
die sich zu fremdem Raub bewegt.
Erkenntnis – dir, doch nichts zu künden
und nichts zu schließen, nichts zu sein –
du, flügelnd über deinen Gründen,
und einer zieht dich dann hinein.
Gottfried Benn, die Niederschrift ist datiert 30. V. 1943
Gerhard Altenbourg 1969 zu seinen Weimarer Jahren in "Narbenrisse beim Durchstreifen jener Hügellandschaft": "Bibliotheken-Besessenheit; Tage im Lesesaal:
Entdeckungen von Hugo Balls Ekstasen, Hans Arps gewachsenen Formen, Kurt Schwitters neuem Formmaterial, Hans Bellmers erotischen Gärten, Gottfried Benns Nervenkalkül; Füßlis Schattenpsyche und Blakes Eindringen in unbekannte Raumvorstellungen. Theologische, literaturhistorischelogische, kunstwissenschaftliche Untersuchungen. Karteien und Auszüge: dada."