›und durchströmt‹

Kalypso Kalypso; Rauschen und Hoffen, 1988
Kalypso Kalypso; Rauschen und Hoffen, 1988
Blatt 47 aus der Schnepfenthaler Suite
WVZ R 140, Kaltnadelradierung, 29 x 20,6 cm
Lindenau-Museum Altenburg

Wonnen von wannen: Juleika; ja, von wannen Zauber und Klage, hügelan, Schauer und Hinfälligkeit, trunkene Groteske, spirituelle Mysterien, erotisches Welttheater? Von wannen hellgierige Nacht=Lüste, morbide Brüder?
Aus Schnepfenthal, vielleicht aus Kuhschnappel? O, nein, aus dir: Schnepfenthal in dir. Schnepfenthal und Kuhschnappel zwei Vorstellungen, die ich liebe (ich hätte die Wörter erfinden sollen). Schnepfenthal ist jedoch keine Erfindung, ja, aber hätte es sein können, Schnepfenthal in der Nähe Gothas gelegen, südwestlich, am Abhang des Thüringer Waldes, ist mein Geburtsort, einen besseren, wie und wo hätte ich ihn finden sollen? Und Kuhschnappel? Nahe bei Waldenburg, kommt im Werk Jean Pauls vor; eine Erfindung Jean Pauls hätte es schon sein können.
Diese Wirklichkeiten in und außer uns! Sie holen uns ein. Wer jedoch an Schnepfenthals Pädagogium für Knaben, 1784 von Christian Gotthilf Salzmann gegründet, wer an die »Gymnastik für die Jugend« (1793) von Gutsmuths sich zu erinnern versucht, an die Geschichte, die Bedeutung des Ortes, der geht fehl. Pädagogik liegt mir fern. Gymnastik? Auf eine gewisse ironische Art schon eher. Es geht um Benennungen, Bannungen und Heimsuchungen, um Verbergen und Beschwören. Die Schnepfe nämlich: »durchs Erlenholz kam sie entlang gestrichen“«. Daran muß ich denken. An den Schnepfenstrich, der in meinem Wörterbuch von 1834 die Erklärung erfährt: 1) das Hin= und Herziehen der Schnepfen, 2) das Löffeln=gehen! Na ja: Löffeln: der sinnlichen Liebe nachgehen, karessieren, bei Mädchen und Weibern löffeln. Und: Löffler gleich Liebesläufer, Karessant. Karessant: kosend, liebkosend. Substantiv: ein Koser, ein Liebkoser.
Und an den berühmten Schnepfenstrich der Minderjährigen.

Und Kuhschnappel? Kuh: das weibliche Rind vom dritten oder vierten Jahr an, besonders, wenn es schon gekalbt hat. An die Hirschkuh. An: die Kuh mit dem Kalbe nehmen, so viel wie: eine Person mit ihrem Kinde heiraten.

Schnapp: schnelle Öffnung und Verschließung des Mundes oder Maules. Schnappe so viel wie Maul. Lust nach dem Fleische, begierig trachten nach, das heißt schnappen mit dem Schnappel.
Kuhwarmer Schnäppel die Schneppe ist mir schnuppe. Kühkuß, Bläkgruß Bläkgenuß. Kühler Kuß Kuhschmus. Ja, ja, was es nicht alles gibt, Schäkerin Gespielin; schon dich, mein Junge, die Katze streicht man nicht gegen den Strich. […]

Gerhard Altenbourg in: ›Schnepfenthaler Suite‹. Szenen. 100 Kaltnadelradierungen.
Brusberg Dokumente 22, Herausgegeben von Dieter Brusberg im November 1989

Zurück