Fährten lesen

Von Angesicht zu Angesicht, 1982
WVZ 82/54, Weiterarbeit auf einem Probedruck
der Lithografie L 169: „Empusa, Empusa“, 1978
Kreide, Wachsmalkreiden, Chinesische Tusche, Aquarell
und Gouache auf altem Bütten
Lindenau-Museum Altenburg, vormals Sammlung Rugo

[…] Als Gerhard Ströch 1948 das Studium an der Hochschule für Baukunst und bildende Kunst in Weimar aufnahm, richtete er seine Aufmerksamkeit auf Expressionismus und Dadaismus, mit deren Formsprache er nun Eigenes besser verbinden konnte. Aber das, was ihn jetzt wirklich umgab, war das Weimar Herders, Goethes und des von Altenbourg stets verehrten Schriftstellers Wieland. Für sie – und nicht nur für sie – war um 1800 die Antike in allen ihren Ausprägungen eine Quelle der Inspiration, kein Novum, wenn es darum ging, ein klassisches Modell von Kunst und Kultur zu entwickeln. Denn speziell die antike Mythologie ist in allen europäischen und europäisch beeinflussten Kulturen bis heute ein unerschöpfliches Reservoir von Namen, Gestalten, Bildern und Geschichten. Nach einer intensiven Phase der Rezeption zur Zeit des Renaissance-Humanismus wird die innovative Bedeutung der Antike im Deutschland des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts vielseitig ausgelotet. Johann Gottfried Herdes Aufsatz von 1767 mit dem Titel Vom neuern Gebrauch der Mythologie regt an, von den „Alten“ das „Verfahren der Bildschöpfung zu lernen“. Friedrich Schlegel schreibt 1800 eine Rede über die Mythologie, zu der wir lesen können:
„Denn das ist der Anfang aller Poesie, den Gang und die Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft aufzuheben und uns wieder in die schöne Verwirrung der Fantasie, in das ursprüngliche Chaos der menschlichen Natur zu versetzen, für das ich kein schöneres Symbol bis jetzt kenne, als das bunte Gewimmel der alten Götter.“
Also, „das bunte Gewimmel der alten Götter“ bewirke die schöne Verwirrung der Fantasie, die die Künstler – und nicht nur sie – anregen könne.
In Weimar also begegnete Gerhard Ströch dieser Welt, nahm er unbewusst und bewusst wieder ihre Fährte auf, die Spuren des Denkens, die Spuren der Bilder, der Figuren und Landschaften, die oft eine Einheit bilden. Zum intensiven Studium gehörten die Bibliotheksgänge. Er liebte es, in Lexika zu lesen, sein Wissen zu vermehren. In einem Antiquariat fand er – wir verdanken die Information Annegret Janda – Dr. Vollmer’s Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Und er entdeckte den Namen „Empusa“, mit dem ein blutrünstiges Gespenst bezeichnet wurde, das von Hekate ausgesandt war, um die Wanderer zu erschrecken, und um – von Altenbourg (so nannte sich Gerhard Ströch inzwischen) unterstrichen – „in Gestalt schöner Frauen schöne Jünglingen zu verlocken, ihnen das Blut auszusaugen und ihr Fleisch zu verzehren“. Eine lockende und zugleich gefährliche Empusa.
Die Fährtensuche führt weiter zu ganz anderen Entdeckungen, solchen, die nicht auf schriftlichem Material und mündlichen Überlieferungen basieren, sondern durch spielerischen Umgang mit realen Objekten zu neuen Bildschöpfungen führten. […]

Christa Grimm in: „Erzgebirge, Hügel-Grund, Artemis-Land. Altenbourgs Landschaften“, Ausstellungskatalog Lindenau-Museum Altenburg 2014, hrsg. von Julia M. Nauhaus