Dies Haus als Aufgabe

Das Haus, 1991
Ulrich Lindner
Das Haus, 1991
Blatt 1 aus: Gerhard Altenbourg. „Dies Haus als Aufgabe“,
Kassette mit 14 farbig gebleichten Schwarzweißfotografiken

Er starb als er „dies Haus“ verließ. Der „Hügel-Klausner“, der zwischen seinen Bäumen, Büschen, Gräsern, Büchern und Bildern eingezogen lebte, starb auf der Autobahn. „Ich halte den Tod im Leben für ständig anwesend“. Alles erhält Gewicht und Sinn sub specie aeternitatis. Altenbourg zielte auf das Gültige, wollte das Bleibende, verlieh Form. Er gestaltete den Einband eines Katalogheftes so sorgsam wie das große Bild. Er wog das Wort auch auf einer Postkarte. Mit ihm unterhielt man sich nicht, er führte Gespräche. Seine Kleidung wählte er genau wie das Menü. Gegen Unverbindlichkeit setzte er Verantwortung.

Im Juni 1969 schrieb er in seinen autobiographischen Notizen: „Im Braugartenweg: Haus hinter Gewächsen. Rhododendron, Azaleen, Koniferen. Dies Haus als Aufgabe. Farben: weiß, kupfer, messing. Gestaltwerden von Vorstellungen. Verwirklichung meiner selbst.“ Nach dem Tode der Mutter im Jahre 1963 konnte Gerhard Altenbourg die Dinge in Haus und Garten ganz nach seinem Willen ordnen, unterstützt von der treuen Schwester. Der Vater hatte das Grundstück bald nach dem Umzug der Familie nach Altenburg erworben. Als Sechsjähriger erlebte Gerhard Hausbau und Einzug. Sein Leben war fortan verknüpft mit diesem Ort, der sich dem Manne nun als Arbeitsstätte, Fluchtburg und Residenz bot, ruhig am Rande der Stadt gelegen, geräumig genug, doch in bescheidenen Maßen.

Das herrschende System stufte Menschen wie Altenbourg als Feinde ein. Zurückgezogenheit brachte Schutz, zugleich Chancen zur Sammlung. Der Künstler durchstand Odysseen beim Auftreiben von Handwerkern, beim Beschaffen von Materialien, Farbe, gar von Kupfer. Er behauptete seinen Platz gegen alle Bedrängnisse. Was ihn hielt, das verkörpert „dies Haus“. Es war, anders als Kafkas „Bau“, nicht ein Ort der Angst, sondern Näherung an ein Ideal, Gegenentwurf zu der verrottenden Umwelt, Versuch eines irdischen Elysiums.

Seit Jahrhunderten richteten sich Künstler ihr Haus als Mikrokosmos nach ihrer Vorstellung ein. Die Malerfürsten von Raphael bis zu Rodin waren Bauherren und Auftraggeber, wie andere Große ihrer Zeit. Ernst Ludwig Kirchner eröffnete eine andere Möglichkeit. Mit eigener Hand gestaltete er sein Gehäuse als künstlerische Einheit. In diesem Sinne, freilich in einem anderen Stil, behandelte Altenbourg jeden Zoll seines Hauses bis zu Lichtschalter und Klingelschild. Selbst der Fußabstreicher ist nach seinem Entwurf geschmiedet. Getriebene Kupferbleche, Wandzeichnungen, Türbilder und geschnitzte Platten verwandelten das enge Treppenhaus in eine Kunsthöhle. In den Wohnzimmern, wo auch Gäste empfangen wurden, sind Wandbemalung, Möbel, Rahmen und Bilder, Skulpturen, Bücher, Instrumente und Teppiche sorgsam zu Kompositionen gefügt, auch um den Preis der Pedanterie. 1955 gab Altenbourg einer Zeichnung den Titel: „Sie wohnt nicht, sie präsentiert nicht, sie residiert“.

Anders das „Arbeitszimmer“. Hell und nüchtern. Die Zweckmäßigkeit des Arbeitsvorgangs herrscht und damit der lebendige Zufall. Die Bücherstapel und Schachteln auf dem Fußboden lassen einen Pfad zum Arbeitsplatz. Rücken- und Seitenlicht aus weiten Fenstern sind durch schlichte Vorhänge zu regulieren. Das Tuch hinter dem Armlehnstuhl trägt Spuren eines Bildes, scheinbar gewachsen wie Kräuter am Feldrain. Drei begonnene Zeichnungen auf großen Bogen hängen an einer schrägen Leine. Papierhügel auf dem Tisch. Die Arbeitsfläche eingeengt von Stiften, Pinseln, Farbkästchen, Büchsen, Instrumenten und Büchern, obenauf Max Doerners „Malmaterial und seine Verwendung im Bilde“, daneben Epikurs „Von der Überwindung der Furcht“. Hier unterbrach der Künstler am 30. Dezember 1989 seine Arbeit.

Ulrich Lindner übernahm die Aufgabe, das Haus in der Gestalt, wie Altenbourg es verlassen, festzuhalten. Dokumentation war geplant. Der Ort zog den Photographen in den Bann. Altenbourg sagte 1987: „Ich muss warten, mich ergreifen lassen, daß ich ein Ergriffener werde.“ Das widerfuhr nun dem anderen, der sich in den Dienst der Würdigung eines Verewigten begeben hatte. Lindner gewann aus den gestalteten Räumen bildnerische Erscheinungen, die Zwiesprache halten mit „diesem Hause“.

Werner Schmidt 1991, Begleittext zur Mappe „Dies Haus als Aufgabe“

 

 

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