Ehrenrettung der Aspasia

Die Hippukrene Aspasia, 1971
Die Hippukrene Aspasia, 1971
WVZ 71/35, Tempera, Aquarell, Bleistift
und Chinesische Tusche auf grauem Papier
der Goethezeit, 33,1 x 20,3 cm
Lindenau-Museum Altenburg, vormals Sammlung Rugo

Aspasia lebte zu Athen wie sie zu Milet oder Smyrna gelebt hätte. […] Aber wäre dieß auch nicht gewesen, so braucht es nur einen sehr mäßigen Grund von Menschenkenntniß, um einzusehen, daß sie sich darum nicht weniger hätte nachsagen lassen müssen, sie locke die edelsten und wichtigsten Männer zu Athen durch den Reitz des Vergnügens in ihr Haus; und ohne Zweifel war es gerade das Gesetz, das sie sich gemacht hatte, ihre Thür nur Personen vom ersten Rang oder von ausgezeichneten Verdiensten offen zu halten, was den Ausgeschloßnen Anlaß und Vorwand gab, ihre Sitten zu lästern. Vermuthlich hatte sogar der Ruf, daß sie eine Schule der Beredsamkeit, Staatskunst und Sittenlehre halte, keinen andern Grund, als der Freyheit, womit ihr Haus von Männern besucht wurde, das Anstößige zu benehmen, das die Eiferer für die gute alte Sitte darin finden mochten. Im Grunde aber war es, aller Wahrscheinlichkeit nach, eine Art von Akademie der schönen Geister, und der Vereinigungspunkt der besten Gesellschaft von Athen. „Staatsmänner besuchten es, um im Schooße der Museen und Grazien auszuruhen; die Anaxagoras und Sokrates, um ihre Filosofie aufzuheitern; die Fidias und Zeuxis, um schöne Bilder und Ideen aufzuhaschen; die Dichter, um ihren Werken die letzte Politur zu geben; die edelste Jugend von Athen, um sich zu bilden, oder sich wenigstens rühmen zu können, in Aspasiens Schule gebildet worden zu seyn.“ (Agathon)

Christoph Martin Wieland: Ehrenrettung dreyer berühmter Frauen des Alterthums der Aspasia, Julia und jüngern Faustina, in: C. M. Wieland, Sämtliche Werke, 24. Band, Karlsruhe 1816

Gerhard Altenbourg liebte Wielands Werke. Ob sich das Blatt „Die Hippukrene Aspasia“ direkt auf Wieland bezieht, ist jedoch nur zu vermuten.

Aspasia (um 470 v. Chr. in Milet–um 420 v. Chr. in Athen) war eine griechische Philosophin, Rednerin und die zweite Frau des Perikles.
Hippokrene ist eine Apollon und den Musen heilige Quelle.

Helikonischen Musen geweiht, heb' unser Gesang an,
Die auf dem Helikonberge, dem großen und heiligen, walten:
Wo sie den dunkelen Quell mit geschmeidigen Füßen im Reihntanz
Und den Altar umschweben des allmachtfrohen Kronion.
Dort, den blühenden Leib im Pannesosstrome gebadet,
Oder der Hippokren', und der heiligen Flut Olmeios,
Auf der erhabensten Kuppe des Helikon ordnen sie Chorreihn,
Lieblich und anmutsvoll, mit behend' umfliegendem Fußtritt.

Hesiod, Theogonie 1–8 (um 700 v. Chr.), übersetzt von Johann Heinrich Voß