Bulemanns Haus

Bulemanns Haus, 1967
Bulemanns Haus, 1967
WVZ L 121 c, Farblithografie, 47,5 x 33,6 cm
Auf Deckel der Mappe „Deutsche Märchen“,
7. Druck der Kabinettpresse Berlin
Lindenau-Museum Altenburg

[…] Wir erkennen eine der Traditionslinien, auf die der Kunststudent traf, als er von 1948 bis 1950 an der Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar studierte und auf die er im Braugartenweg in seiner Heimatstadt Altenburg – im Nachbarhause – aufmerksam geworden war und vorbereitet wurde: das Bauhaus. In »Schöpferische Konfession« von Paul Klee, der von 1920–1926 am Bauhaus Weimar als Künstler und Lehrer gearbeitet hatte, lesen wir:
I
Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar. Das Wesen der Graphik verführt leicht und mit Recht zur Abstraktion. Schemen- und Märchenhaftigkeit des imaginären Charakters ist gegeben und äußert sich zugleich mit großer Präzision. Je reiner die graphische Arbeit, das heißt, je mehr Gewicht auf die der graphischen Darstellung zugrunde liegenden Formenelemente gelegt ist, desto mangelhafter die Rüstung zur realistischen Darstellung sichtbarer Dinge.
Formelemente der Graphik sind: Punkte, lineare, flächige und räumliche Energien. Ein flächiges Element, das sich nicht aus Untereinheiten zusammensetzt, ist zum Beispiel ein wolkenartig dunstiger Fleck eines vollen Pinsels mit verschiedenen Stärkegraden …
IV
Bewegung liegt allem Werden zugrunde. In Lessings „Laokoon“, an dem wir einmal jugendliche Denkversuche verzettelten, wird viel Wesen aus dem Unterschied von zeitlicher und räumlicher Kunst gemacht. Und bei genauerem Zusehen ist's doch nur gelehrter Wahn. Denn auch der Raum ist ein zeitlicher Begriff.
Wenn ein Punkt Bewegung und Linie wird, so erfordert das Zeit. Ebenso, wenn sich eine Linie zur Fläche verschiebt. Desgleichen die Bewegung von Flächen zu Räumen.
Entsteht vielleicht ein Bildwerk auf einmal? Nein„es wird Stück für Stück aufgebaut, nicht anders als ein Haus ...
V
Früher schilderte man Dinge, die auf der Erde zu sehen waren, die man gern sah oder gern gesehen hätte. Jetzt wird die Relativität der sichtbaren Dinge offenbar gemacht und dabei dem Glauben Ausdruck verliehen, daß das Sichtbare im Verhältnis zum Weltganzen nur isoliertes Beispiel ist und daß andere Wahrheiten latent in der Überzahl sind. Die Dinge erscheinen in erweitertem und vermannigfachtem Sinn, der rationellen Erfahrung von gestern oft scheinbar widersprechend. Eine Verwesentlichung des Zufälligen wird angestrebt. 

Beide, Paul Klee und Gerhard Altenbourg, fanden ihre Art des Wahrnehmens und Verarbeitens vorgebildet in einem Naturverständnis, das den Menschen nicht als Staffage in die Natur hineinsetzt, sondern ihn eingebunden sieht in Landschaften, die als ökologische Systeme der Natur begriffen werden, so unter anderem bei Novalis, einem Dichter des ausgehenden 18. Jahrhunderts, in dessen poetischem Text „Lehrlinge zu Sais“, zu dem Paul Klee 51 Zeichnungen anfertigte, wir lesen:

Drückt nicht die ganze Natur so gut, wie das Gesicht, und die Gebärde, der Puls und die Farben, den Zustand eines jeden der höheren, wunderbaren Wesen aus, die wir Menschen nennen? Wird nicht der Fels ein eigentümliches Du, eben wenn ich ihn anrede? Und bin ich anders, als der Strom, wenn ich wehmütig in seine Wellen hinabschaue, und die Gedanken in seinem Gleiten verliere? Nur ein ruhiges, genußvolles Gemüt wird die Pflanzenwelt, nur ein lustiges Kind oder ein Wilder die Tiere verstehen.

Genau diesen Text von Novalis betrachtete Storm – und damit stelle ich die Verbindung zum Namensgeber des hiesigen Museums her – eher kritisch. In seinem Brief an Paul Heyse schrieb er am 30. Oktober 1872, Heyse solle das Märchen von Hyazinth und Rosenblüt, das Teil des Textes „Lehrlinge zu Sais“ ist, aus seinem Plan für eine Märchensammlung nehmen. Sprechende Blumen seien nun doch etwas zu weit ins Reich des Phantastischen gerückt. Dabei ging es Novalis, wenn man den ganzen Text liest, wohl darum, das eng geknüpfte Netz der Verbindungen von Mensch und Natur zu erfassen, in dem Eins im Anderen über Jahrtausende und im Momentanen einer komplizierter werdenden Gegenwart ineinander verwoben und miteinander verknüpft sind.
Lassen Sie uns auch in den heutigen Betrachtungen zur jüngeren Gegenwart zurückkehren. Als Lothar Lang 1966/67 den 7. Druck der Kabinettpresse Berlin plante, gab er den Künstlern, deren Arbeiten er gern in einer Mappe vereint sehen wollte, den Titel „Deutsche Märchen“ vor, nichts Weiteres. Es bestand freie Wahl bei Autor und Text und freie Wahl in den Formen und Mitteln der Gestaltung. Einer der Künstler, an die er sich wandte und mit denen er schon teilweise mehrfach gearbeitet hatte, war Gerhard Altenbourg. Dieser wählte Storm, und er wählte das Märchen „Bulemanns Haus“. Storm selbst, man kann es in den von Peter Goldammer herausgegebenen Briefen an verschiedenen Stellen nachlesen, hielt dieses Märchen für eine seiner besten Arbeiten, eine grotesk-phantastische Spukgeschichte, ein geheimnisvolles Märchen, das er zudem noch in lyrischer Form im Gedicht „In Bulemanns Haus“ verarbeitete. Dort, in Strophe und Reim, sieht sich ein kindlich-jungfräuliches Wesen im Spiegel (auf Spiegelungen treffen wir oft in Altenbourgs Werk), zwischen „Dämmergemunkel“ und „Schatten“ beginnt ein Tanz (ebenfalls ein häufiges Motiv bei Altenbourg), in dessen erotischer Spannung Liebe, Tod und Leben aufscheinen.
Im Märchen „Bulemanns Haus“ stehen zwischen Leben, Liebe und Tod grell gezeichnete Szenen der Lieblosigkeit, Hartherzigkeit, des Geizes und der Geldgier. Durchaus keine einfache Kost. Storm wunderte sich im Brief an Ludwig Pietsch vom 30. April 1864: „Mein ‚Bulemanns Haus‘ will niemand haben, ich begreife das nicht.“ Nun, beinahe genau 100 Jahre später, „wählt“ ein Künstler aus dem reichen Fundus an Märchen gerade dieses. […]

Aus dem Eröffnungsvortrag von Christa Grimm zur Ausstellung „Gerhard Altenbourg: Landschaft und Figuren“ im Literaturmuseum „Theodor Storm“ am 15. Februar 2008. In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt, 15. Jahrgang, 2009

Die Germanistin Dr. Christa Grimm war dem Nachbarn Gerhard Altenbourg seit den späten 1950er-Jahren Beraterin in literaturwissenschaftlicher Hinsicht und vertraut mit dessen künstlerischem Werk. Vorhaben der Gerhard Altenbourg Gesellschaft unterstützte sie durch kenntnisreiche Vorträge, Führungen auf Altenbourgs Wegen und weiterführende Hinweise. Sie starb am 22. Juni 2025.