Brief Gerhard Altenbourgs an Horst Hussel
[…] Einen „Kreuzrentner“ konnte ich gerade noch für Fräulein Teutsch* hervorjubeln; und sie schrieb mir nun sehr zufrieden und meint, dies sei wohl das beste Blatt der frühen Lithographien, was wohl in gewissem Sinne zutrifft, doch nicht ganz, denn in diesen Jahren sind noch eine Reihe Blätter in großem Format (innerem und äußerem!) entstanden, die auch Ihnen unbekannt sind und die wohl bald noch stärker sein dürften. Aber darüber spricht man am besten überhaupt nicht, denn sonst ist es nicht möglich, diese bis zur Ausstellung zu retten.
Ich habe mächtig gelacht über Ihren netten Gedanken: „Altenbourg —Druckgraphik und Zeichnungen“ im Verlag der Kunst, aber warum sollte man seine Gedanken denn auch nicht amüsant spazieren lassen? Und Sie haben mir mit Ihren witzigen Bemerkungen wahrlich das Bauchfell gejuckt. Und das entschärft immer und ist viel in dieser löblich-tristen Zeit, in der die Dummheit selbst im Winter nicht zu Feinfrost wird, sondern weiter sprießt – man ist fast versucht zu schreiben: sehr lustig sprießt – und fromm gedeiht.
Meine Arbeit geht gut voran, obwohl beinahe alles in meinem Zimmer über mich herstürzt und mich zu fressen droht (doch diesen Zu stand // werden Sie, lieber Herr Hussel, so glaube ich wenigstens, gut kennen!), dann schließe ich die Augen und beginne in mir zu arbeiten und plötzlich wird es wieder hell und alles geht weiter, ein Weitergehen, das man nicht für möglich hielt. Ich habe eine „Uterus=Schaukel“ vor und einen „Grinsenden Caesar, die kleine Knolle“**: alles Themen am Rande des Abschüssigen; ja, es wird wohl so sein, dem Altenbourg fehlt der moralische Hosenboden, das ist nun einmal so und wird sich nicht mehr ändern, trotz Altersweisheit und Verkalkung im Anzuge.
Das Schreiben macht mir wieder mehr Spaß, denn ich laboriere an Texten für ein kleines handgeschriebenes Buch. Natürlich etwas Doppelbödiges.
Was macht Ihre Arbeit? Für die ich Ihnen im neuen Jahr, in das Sie wohl etwas mutiger, was die Produktion angeht, eintreten, alles erdenklich Fördernde wünsche, als da sind Entdeckungen von seltenen Erstdrucken und manchen Schrei der Freude über das Finden eines langgesuchten Buches. Es waren wieder erquickliche Stunden bei Ihnen, für die ich Ihnen danken darf; obwohl schon wieder lange vorbei, stehen sie vor mir, und das Herz wird mir warm, wenn ich an die Scheerbarts denke. Nebenbei wird immer noch am Oeuvre-Katalog gearbeitet. Im Laufe des Monats sollen auch zwei Reisen stattfinden; ob es nach Berlin geht, ist und bleibt vorerst ungewiß. Die Arbeit soll jedoch am meisten an Zeit fressen, und ich wünsche, daß es mir gelingt, die Anzahl der bestellten Bilder zu verringern. Unter einem solchen Druck zu leben, ist schrecklich. Doch was sage ich dies Ihnen, Sie kennen und meistern diese Situation ja in gewissem Sinne immer im Umgang mit Ihren Verlegern.
Im neuen Jahr hoffe ich weiter auf Ihre Freundschaft und glaube an eine Gemeinsamkeit des Fühlens, die manches im Leben leichter und froher zu machen weiß.
Ihnen – und natürlich nicht zuletzt Frau Gabrisch – meine besten Grüße aus dem Hügelgau,
Ihr Altenbourg P.S. Die anderen Holzschnitte der Ausstellung kommen noch nach! A.
[3. Januar 1968]
*Vermutlich die Künstlerin Hannelore Teutsch
** Beide erscheinen nicht im Werkverzeichnis.
In: Mit Salut & Flügelschlag. Der Briefwechsel zwischen Gerhard Altenbourg & Horst Hussel. Herausgegeben und kommentiert von Jens-Fietje Dwars, Edition Ornament im quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2026